Donnerstag, 20. März 2008

Raum für eine Hell-Seherin

 Imaginäre Bibliothek für Kassandra, 12 Unikatkünstlerbücher, 2003



 Farben sah ich, Künstlerbuch 2005, zu Christa Wolf, Kassandra


Farben sah ich
aus: Christa Wolf „Kassandra“,
11 Textfragmente auf 11 handgeschöpften Bogen
Elf Wasserzeichenbilder mit eingeschöpften Papieren, Tiefdruck und Aquarell, Hrsg. Die Gläserne Libelle 2005
1 Wenn ich mich heute an dem Faden meines Lebens zurücktaste, der in mir aufgerollt ist; langsam, sehnsuchtsvoll in die Vorkriegsjahre zurückgelange; die Zeit als Priesterin, ein weißer Block; weiter zurück: das Mädchen –
2 dann bleibe ich an dem Wort schon hängen, das Mädchen, um wie viel mehr noch hänge ich erst an seiner Gestalt. An dem schönen Bild. Ich habe immer mehr an Bildern gehangen als an Worten. Das letzte wird ein Bild sein, kein Wort.
3 Vor den Bildern sterben die Wörter.
4 Wer setzte die Grenze fest Zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem? Wir gingen in eine weit entfernte Ecke des Tempelbezirks und überschritten dabei, ohne es zu merken, die Grenze, hinter der die Sprache aufhört.
5 Aineas, ich. Er hat mir, als wir uns zum letzten Mal sahen, seinen Ring mitgeben wollen, diesen Schlangenring. Ich verneinte mit den Augen. Er warf ihn von der Klippe in das Meer. Der Bogen, den er blitzend in der Sonne beschrieb, ist mir ins Herz gebrannt.
6 So Wichtiges wird nie ein Mensch von uns erfahren. Die Täfelchen der Schreiber, die in Trojas Feuer härteten, überliefern die Buchführung des Palastes, Getreide, Krüge, Waffen, Gefangene. Für Schmerz, Glück, Liebe gibt es keine Zeichen.
7 Das Licht, das ich gemeinsam mit Aineas sah, sooft wir konnten. Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt.
8 Du brauchst viel Zeit, meine Liebe, sagte Arisbe. Tauch auf, Kassandra, sagte sie. Öffne dein inneres Auge. Schau dich an. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Bilder. Den Idaberg in wechselnder Beleuchtung. Die Hänge mit den Höhlen. Den Skamander, seine Ufer.
9 Farben sah ich, Rot und Schwarz, Leben und Tod. Sie durchdrangen einander, ... ihre Gestalt verändernd, ergaben sie andauernd neue Muster, ... Sie warn wie Wasser, wie ein Meer.
10 In seiner Mitte sah ich eine helle Insel, der ich im Traum – ich flog ja; ja, ich flog! – schnell näherkam.
11 Ich habe nur noch Wörter ungefärbt von Hoffnung und von Furcht.



Barbara Beisinghoff: House for a Clairvoyante, Berlin 2000

Christa Wolf
in ihrem Roman Kassandra, 1983:
Chaos könnte um Wörter herum eine geordnete Struktur annehmen wie Eisenspäne
um einen Magneten.

Wer setzte die Grenze fest zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem?

Ich habe nur noch Wörter ungefärbt ...



Blue Room for a Clairvoyante, Offenbach 2001

Room for a Clairvoyante
Solo Exhibition in the Book & Script Museum of the German National Library, Leipzig, 2003

Walls and steps of the installation consist of watermark sheets, where light and watermarks touch each other. Watermarks may only be seen in counterlight. There are transparent pictures and transparent texts concerning the Clairvoyante “Cassandra”, a novel by the German author Christa Wolf.

The artist`s basic intention is to bring objects and ideas in a new state and with new meaning into our consciousness , to light up “enlighten”? and to render thoughts transparent in their interwovenness. Art becomes a way of exploring and perhaps also of recognising things. The visible often blinds us, diverts us from that which is really meaningful. The thought and symbol cosmos of Barbara Beisinghoff is not so easy to decode. The density and overlayering of ideas and sensations are the result of a productive artistic unrest. Her work principle is space-related. Paper itself is a space for dealing with things or it becomes a spatial construction element in installations, such as the tower or the house of the clairvoyante. Each single sheet of paper is individually “constructed” in size, fibre-type and -structure, colour and form of watermark – and is also an autonomous work of art. In the ensemble the hand-scooped sheets form the building: watermarks and openings in the “construction” afford an insight and a view in both senses of the word. The room of the clairvoyante is no place for extra-sensory perception, but rather to an extreme degree a space for thought and experience that is full of sensuality.
“hidden and transparent at the same time”
by Hannelore Schneiderheinze, 2003


House for a Clairvoyante 2008, Leipzig Bookfair